Die Wissenschaft liefert handfeste Argumente für beide Seiten – Körpertemperatur, Chronotyp, Cortisol. Am Ende entscheidet aber weniger die perfekte Uhrzeit über deinen Fortschritt als die Frage, ob du den Termin überhaupt einhältst.
Daniel Gruber · 17. August 2026 · 4 Min. Lesezeit
Die Kerntemperatur deines Körpers folgt einem Tagesrhythmus: Sie ist früh morgens am niedrigsten und steigt bis zum späten Nachmittag an. Weil wärmere Muskeln geschmeidiger sind und Energie effizienter umsetzen, zeigen die meisten Leistungstests – von Sprints bis Kraftmessungen – etwas bessere Werte am späten Nachmittag oder frühen Abend als am Morgen. Eine große Meta-Analyse, die Dutzende Studien zu Ausdauer- und Kraftleistung zusammenfasst, beziffert den typischen Unterschied zwischen Tageszeiten auf rund 3 bis 5 Prozent (Knaier et al., Medicine & Science in Sports & Exercise 2022) – spürbar im Labor, aber im Alltag kaum der Grund, warum ein Lauf gelingt oder ausfällt.
Interessanter als die pauschale „Morgen vs. Abend"-Frage ist, wer du bist. Menschen mit unterschiedlichem Chronotyp – umgangssprachlich Lerchen und Eulen – erreichen ihre körperliche Bestform zu sehr unterschiedlichen Zeiten nach dem Aufwachen. Frühtypen sind schon kurz nach dem Aufstehen leistungsfähig, während Spättypen ihr Leistungshoch erst viele Stunden später erreichen und morgens spürbar schlechter abschneiden als abends (Facer-Childs, Boiling & Balanos, Sports Medicine – Open 2018). Der morgendliche Cortisolanstieg nach dem Aufwachen bereitet den Körper zwar grundsätzlich auf Aktivität vor, aber ob gezieltes Training am Morgen diesen Effekt sinnvoll verstärkt, ist in der Forschung bislang nicht eindeutig belegt (Anderson & Wideman, Sports Medicine – Open 2017). Es gibt also keine biologisch „richtige" Uhrzeit für alle – nur eine, die zu deinem eigenen Rhythmus passt.
Für den Morgenlauf spricht, dass er erledigt ist, bevor der Tag mit Terminen, Müdigkeit und spontanen Planänderungen dazwischenfunkt – der Kopf ist meist noch klar, und niemand hat dir schon einen Grund geliefert, warum es heute nicht klappt. Für den Abendlauf spricht, dass dein Körper nach Stunden der Bewegung im Alltag bereits aufgewärmt ist und sich viele Läufe nach der Arbeit einfacher mit anderen koordinieren lassen. Beide Argumente sind real – und beide werden in der Praxis ungefähr gleich oft durch Alltag, Wetter oder schlicht Müdigkeit ausgehebelt. Keines davon ist ein verlässlicher Hebel, um über Wochen und Monate hinweg tatsächlich laufen zu gehen.
Genau hier setzt Verhaltensforschung zur Gewohnheitsbildung an. In der vielzitierten Studie von Lally und Kollegen bildete sich eine Gewohnheit im Schnitt nach 66 Tagen heraus – mit einer riesigen Spanne von 18 bis 254 Tagen zwischen Personen (Lally et al., European Journal of Social Psychology 2010). Der entscheidende Faktor war dabei nicht die gewählte Uhrzeit an sich, sondern die Wiederholung in einem stabilen, immer gleichen Kontext. Ein Lauf, der jede Woche zur selben Zeit am selben Ort stattfindet, wird mit der Zeit zur Automatik – ein Lauf, den du jeden Tag neu in deinen Kalender verhandeln musst, bleibt eine Entscheidung, die du jedes Mal aufs Neue triffst und die dementsprechend oft verliert. Wie oft du pro Woche laufen solltest, um Fortschritte zu machen, behandeln wir ausführlich in „Wie oft joggen pro Woche?" – aber die beste Frequenz nützt nichts, wenn der einzelne Termin ständig verschoben wird.
Ein fester Termin wird noch verbindlicher, wenn andere Menschen ihn mit dir teilen. Studien zu Trainingsgruppen zeigen, dass die soziale Unterstützung durch eine Gruppe die eigene „Läufer-Identität" stärkt und diese wiederum vorhersagt, wie beständig jemand langfristig aktiv bleibt (Golaszewski et al., International Journal of Sport and Exercise Psychology 2021). In einer einjährigen Verlaufsstudie mit Fitnessstudio-Neueinsteigern zählten neben Freude an der Bewegung vor allem soziale Unterstützung und der Glaube, es durchzuziehen, zu den stärksten Faktoren dafür, wer nach zwölf Monaten noch regelmäßig trainierte (Gjestvang et al., Frontiers in Psychology 2021). Eine Laufgruppe mit festem wöchentlichem Termin verbindet damit beide Mechanismen: Sie nimmt dir die tägliche Entscheidung ab, wann du heute laufen sollst – und sie sorgt dafür, dass du nicht nur dir selbst, sondern auch anderen einen Grund zum Erscheinen gibst.
Wähle zunächst eine Tageszeit, die realistisch zu deinem Alltag und deinem eigenen Rhythmus passt – Frühaufsteher profitieren oft vom Morgen, ausgesprochene Abendmenschen eher vom frühen Abend. Trage diesen Termin danach fest und wiederkehrend ein, statt ihn jede Woche neu zu verhandeln. Und wenn möglich: Verabrede dich nicht allein mit dir selbst, sondern mit anderen.
Willst du eine Laufgruppe in deiner Stadt finden, die genau so einen festen wöchentlichen Termin anbietet? In der Übersicht siehst du, wann und wo andere sich bereits regelmäßig treffen.